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Ich war darauf erpicht, dass dieses Schultreffen heute Abend mir etwas ganz Wichtiges beweisen sollte.
Dass ich normal war.
Ganz gleich was mir widerfahren war - dass ich zum Vampir geworden war, einen Jäger in Notwehr getötet hatte, fälschlicherweise als Schlächterin der Schlächter betitelt worden war, meine Wohnung in die Luft geflogen war, dass man mich erstochen und beinahe umgebracht hatte - all das sollte keine Rolle spielen. Ich war vollkommen normal.
Jedenfalls war das der Plan.
Deshalb wurde das, was vor ein paar Wochen noch eine vage Idee gewesen war, nämlich an diesem Schultreffen teilzunehmen, jetzt eine absolute Notwendigkeit. Es sollte mir das Gefühl geben, dass mein Leben nicht vollständig außer Kontrolle geraten war. Obwohl es das natürlich war.
Erstochen zu werden hatte mich irgendwie älter gemacht, und zwar spürbar. Ich fühlte mich älter, wachsamer und paranoider als vorher, zumindest bis wir den Stadtrand von Abottsville erreicht hatten, die, wie ein handgemaltes Schild verkündete, »Die Stadt mit dem größten Kürbis von ganz Ontario« war. Allein das Schild zu sehen entspannte mich ein bisschen.
Allerdings nur ein bisschen.
»Du bist ja so schweigsam«, bemerkte Thierry.
Wow, wenn ihm sogar auffiel, wie wenig ich sprach, verhielt ich mich, eingedenk der Tatsache, wie wenig er normalerweise selbst redete, wohl wirklich nicht normal.
»Tut mir leid. Ich führe nur gerade einen inneren Monolog über Leben und Tod.«
»Ist es dir denn noch recht, dass wir hierhergefahren sind?«
»Ja, vollkommen.« Ich schob alle anderen Gedanken beiseite.
»Wenn es dir lieber ist, drehen wir um und fahren zurück nach Toronto ... «
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, es ist in Ordnung. Ich freue mich, hier zu sein. Und ich möchte wirklich gern meine Eltern sehen. Ich kann es kaum erwarten, ihnen meinen wundervollen neuen Freund vorzustellen.«
»Und was werden sie denken, wenn sie erfahren, dass er es leider nicht hierher geschafft hat?«
Ich musterte ihn. »War das ein Witz?«
»Zumindest ein Versuch.«
Etwas, das Thierry vollkommen abging, war ein Sinn für Humor. Und ich hatte gründlich danach gesucht, vergeblich. Aber es war ja so süß von ihm, dass er es zumindest versuchte.
Wir würden in das Motel einchecken und anschließend kurz meine Eltern besuchen, die nicht wussten, dass ihr einziges Kind ein Vampir war. Ich wollte, dass das so blieb. Was sie nicht wussten, würde sie auch nicht belasten. Oder mich.
Dann würden wir heute Abend zu dem Ball gehen, der anlässlich des Treffens stattfand. Es gab bereits seit einigen Tagen Veranstaltungen rund um dieses Schultreffen, aber zu viel des Guten tut nicht gut. Ein kleines Tänzchen, ein bisschen plaudern, das war’s. Hoffentlich wurde ich meine vampirmäßige Angst dann los und gewann wieder ein besseres Gefühl zum Leben, zur Freiheit und meinem Hauptziel, dem Erreichen von vampirmäßigem Glück.
Mom hatte uns angeboten, in meinem alten Zimmer zu übernachten, obwohl sie es, wörtliches Zitat: » ... nicht sonderlich schätze, dass ihr ein Zimmer ohne Trauschein teilt«, Zitat Mom Ende. Also war ich auf die Idee gekommen, dass ein Zimmer im Motel für alle Beteiligten die beste Lösung war.
Es gab nur ein Motel in der Stadt, das Abottsville Motor Inn. Das daran angeschlossene Speiserestaurant nannte sich: »Die Frühstücksecke«. Tja, nomen est omen.
Unser Raum wurde von der Geschäftsleitung als »Luxussuite« angepriesen und rühmte sich eines breiten Bettes unter einem wahrhaft eleganten Deckenspiegel. Normalerweise hätte mich das sicherlich grenzenlos amüsiert, insbesondere aufgrund der Ironie, dass Vampire kein Spiegelbild hatten, jetzt jedoch war es mir nur peinlich.
Nachdem ich mich mit dieser Anzüglichkeit abgefunden hatte, hängte ich das von Amy geliehene Kleid in den Schrank, warf meine Reisetasche in die Ecke und untersuchte die Bettlaken auf Spuren von Kakerlaken. Ich duschte kurz und frischte mein Make-up auf, indem ich die Scherbe, die Thierry mir einmal als verfrühtes Valentinsgeschenk mitgebracht hatte, als Minispiegel benutzte. Normalerweise erzeugen Vampire keine Spiegelbilder, nur war eine Scherbe halt kein normaler Spiegel. Sie war etwas ganz Besonderes, extrem kostspielig, und ich konnte mich darin sehr gut betrachten und meiner Eitelkeit frönen. An der Wand in Georges Haus hing eine noch viel größere Scherbe, nur war die nicht transportabel.
Als ich endlich fertig war, wartete Thierry bereits auf mich. Ich hatte mich für die lässige Variante entschieden und trug dunkelblaue Jeans und einen flauschigen weißen Pullover unter meinem Wintermantel.
Wir fuhren ans andere Ende der Stadt, was nur fünf Minuten dauerte, bis ich das Haus meiner Eltern am Ende einer Sackgasse sah. In der Einfahrt stand ein ganzer Fuhrpark von Autos. Es sollte doch nur ein kurzer Besuch bei Mom und Dad sein! Wen hatten sie denn noch eingeladen?
Thierry parkte seine Limousine am Bordstein und warf mir einen fragenden Blick zu. »Was geht hier vor, Sarah?«
Ich stieg aus und genoss die kühle Winterluft auf meinem Gesicht. Es schneite sogar ein bisschen. »Keine Ahnung. Aber ich verspreche, dass es nicht lange dauern wird. Wir gehen rein. Ich stelle dich vor. Sie werden von deinem Charme und deinem Aussehen angemessen beeindruckt sein. Ich kippe ein Glas Wein hinunter, und in zehn Minuten sind wir wieder draußen.«
Er hob eine Braue und betrachtete skeptisch die vielen Autos. »Zehn Minuten?«
»Allerhöchstens fünfzehn. Wir haben sowieso nicht mehr allzu viel Zeit bis zu dem Treffen.« Ich musterte den Vorgarten und die Winterdekoration, zu der eine beleuchtete Rentierfamilie sowie ein aufblasbarer Schneemann gehörten. »Und kein Wort von diesem Holzpflock-Attentat. Ich glaube nicht, dass meine Mutter es besonders gut aufnehmen würde, wenn sie wüsste, dass ich beinahe zu Tode gepfählt worden wäre. Insbesondere nach dem, was mit meiner Wohnung passiert ist.«
Da meine Eltern nichts von der Vampirgeschichte wussten, hatte ich die Explosion einem undichten Gasrohr zugeschrieben. Meine Eltern hatten sich natürlich maßlos aufgeregt und darauf bestanden, dass ich zu ihnen nach Hause zurückziehen sollte, bis ich mein Leben wieder in Ordnung gebracht hatte.
Das war schon ein paar Wochen her, und ich war nach wie vor dabei, mein Leben in Ordnung zu bringen. Aber ich hatte nicht vor, zurück in mein altes Zimmer zu ziehen, in dem noch die uralten Poster von Madonna und Bon Jovi hingen. Das kam überhaupt nicht in Frage.
Thierry hatte mich bislang nicht gefragt, ob ich bei ihm einziehen wollte. Obwohl zwischen uns in letzter Zeit alles ziemlich gut lief, machte ich mir ein wenig Sorgen um die Zukunft.
Bloß nicht hineinsteigern!, ermahnte ich mich. Hineinsteigern war gar nicht gut.
»Wieso sollte ich ihr erzählen, dass du erstochen worden bist, wenn sie doch nicht einmal weiß, dass du ein Vampir bist?«, fragte er, während wir uns der Eingangstür näherten, die mit einem voluminösen Adventskranz geschmückt war.
»Ich sag’s ja nur«, erklärte ich. Ich griff nach der Türklingel, doch Thierry hielt meinen Arm fest.
»Sarah, ich weiß, dass du es satt hast, dass ich das ständig sage, aber jedes Mal, wenn wir Toronto und unsere gewohnte Umgebung verlassen, setzen wir uns großer Gefahr aus. Selbst hier.«
»Ich weiß.« Diesmal war es mir bewusster als je zuvor. Meine Brust schmerzte immer so sehr, als säße ein Elefant in Form eines Holzpflocks darauf. Selbst beim Atmen hatte ich Schmerzen. Auch Vampire atmeten gern regelmäßig ein und aus, deshalb war dieser Schmerz ein bisschen nervig. Aber ich existierte noch, würde das Beste daraus machen und alles war in Ordnung. Oder so ähnlich.
Ich streckte erneut die Hand nach dem Klingelknopf aus, doch bevor ich ihn drücken konnte, wurde schon die Haustür aufgerissen.
»Süße!« Meine Mutter breitete die Arme aus und umarmte mich herzlich. »Ich bin ja so froh, dich zu sehen!«
»Ich genauso, Mama.« Ich lächelte. Sie roch nach frisch gebackenen Keksen mit Schokosplittern. »Okay, wer ist noch da?«
Sie sah ein bisschen schuldig aus. »Nun, Liebling, du kommst so selten, dass ich dachte, ich muss das ausnutzen. Ein paar deiner Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen. Ich habe versucht, kein großes Aufhebens darum zu machen.«
Ein Familientreffen. Und das in zehn Minuten?
»Großartig«, sagte ich so begeistert, wie es nur ging.
Thierry stand schweigend neben mir. Ich löste mich von meiner Mutter und sah ihn an.
»Mom, ich möchte dir Thierry vorstellen.«
Ihr Blick wanderte höflich die mehr als 180 hinreißenden Zentimeter hoch zu seinem Gesicht, bei dessen Anblick jede Frau ungeachtet ihres Alters weiche Knie bekam. Er hatte einfach diese Wirkung. Nur weil sich manche Leute an seiner kühlen, gleichgültigen Art stießen, hieß das nicht, dass er eine Zumutung fürs Auge war. Das hatte Amys von mir frisch entdeckte Verliebtheit bewiesen.
»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen«, sagte er.
»Und wie lautet Ihr Nachname, Thierry?«, wollte sie wissen.
»De Bennicœur.«
»Gott, das ist ja ein ganz schöner Zungenbrecher, was? Ist das Französisch? Italienisch?«
»Französisch.«
»Französisch-Kanada? Sind Sie aus Quebec?«
»Nein.«
Sie blinzelte verwirrt und strich sich die dunklen Haare zurück. Die Geste kannte ich. Mom war nervös. »Aber Sie haben ja gar keinen Akzent.«
»Ich bin bereits vor sehr langer Zeit nach Nordamerika gekommen.«
»Und Sie sprechen Französisch?«
»Ja. Ich spreche mehrere Sprachen.«
»Ja, also.« Fürs Erste zufriedengestellt trat sie einen Schritt zurück. »Bitte, lasst eure Schuhe gleich hier.« Sie deutete mit dem Kopf auf einen riesigen Stapel schmutziger, schneenasser Schuhe. »Und dann kommt herein, um den Rest von uns zu begrüßen. Möchtet ihr ein Glas Wein?«
»Ja«, sagte ich halbherzig. Wieso hatte ich diese Begrüßung als das Peinlichste empfunden, das ich je erlebt hatte? Vor allem für Thierry.
Er schien sich ganz offensichtlich nicht wohl zu fühlen.
»Wir können sofort wieder verschwinden!«, flüsterte ich ihm zu, als wir durch den kurzen Flur zum Wohnzimmer gingen.
Er schüttelte den Kopf und drückte meine Hand. »Alles in Ordnung. Es ist mir eine Ehre, deine Familie kennenzulernen, Sarah.«
Heute sammelte er echt kräftig Pluspunkte.
Im Familienzimmer drückte man uns beiden ein großes Glas Baby-Duck-Schaumwein in die Hand, das Lieblingsgesöff der Familie Dearly, und Thierry wurde meiner gesamten Verwandtschaft vorgestellt, das heißt allen, die im Umkreis von hundert Meilen lebten. Drei Onkels, fünf Tanten, sieben Cousins und Cousinen, inklusive meiner Cousine Missy, die schnurstracks auf mich zustürzte.
»Sarah!« Sie umarmte mich liebevoll. »Ach mein Gott, es ist so schön, dich zu sehen.«
»Dich ebenso.« Ich lächelte sie mit geschlossenem Mund an. »Wie ist es so, verheiratet zu sein?«
»Fantastisch ... oder sollte ich zahntastisch sagen? Könnte gar nicht besser sein.«
Ich blickte hinüber zu ihrem neuen Ehemann Richard, der gerade in eine hitzige Debatte mit meinem Onkel Charlie verstrickt war. Ich nahm an, dass es ums Fischen ging, denn das war Onkel Charlies Lieblingsthema. Richard hob andeutungsweise ein Glas in meine Richtung und warf mir ein kurzes Lächeln zu, das seine winzigen Reißzähne entblößte.
Meine vollkommen menschliche Cousine Missy hatte einen Vampir geheiratet. Ein Buchhalterkollege. Ich war auf ihrer Hochzeit gewesen, ich war sogar eine der Brautjungfern und hatte mich prächtig amüsiert, als ich bemerkte, dass Richard und ich mehr gemeinsam hatten als unsere gemeinsame Verwandte Missy. In dem Moment war mir klar geworden, dass im Alltagsleben Vampire, die ihre Existenz geheim hielten, viel verbreiteter waren, als ich je geahnt hatte. Außerdem war das der Moment gewesen, in dem Missy mein kleines Geheimnis entdeckt hatte. Sie hatte mit der Tatsache, dass ich ein Vampir war, weit weniger Probleme als ich.
Mich fröstelte bei der Erinnerung an diese schicksalhafte Hochzeit. Böses, böses Kleid.
»Wer ist denn dieses Prachtexemplar?« Missy deutete mit einem leichten Nicken auf Thierry.
Ich erklärte es ihr, so knapp ich konnte. Sie schien angemessen beeindruckt, dass ich mir einen Meistervampir geangelt hatte. Dass ihn sich bereits eine andere Frau vor mir geangelt hatte, verschwieg ich allerdings.
»Hör mal«, sagte sie. »Es ist eigentlich nichts Wichtiges, aber ich wollte es dir nur sagen. Es geht um dieses Schultreffen.«
»Was ist damit?«
»Ich habe mich von jemandem, der übersinnliche Fähigkeiten besitzt, bei der Ausstattung beraten lassen.«
Obwohl Missy ein paar fahre älter war als ich und nicht an dem eigentlichen Treffen heute Abend teilnahm, war sie im Organisationskomitee. Das Schultreffen fand jedes Jahr statt, also hatte sie einiges um die Ohren.
»Du hast dich von einer Person mit übersinnlichen Fähigkeiten bei der Ausstattung des Treffens beraten lassen? «, wiederholte ich, um sicherzugehen, dass ich sie richtig verstanden hatte.
»Es ist schwierig, ein Gymnasium in ein Märchenschloss zu verwandeln. Ein bisschen Hilfe kann da Wunder wirken.«
»Ganz bestimmt.« Ich trank einen Schluck Wein. »Und was hat sie gesagt?«
»Sie hat gesagt, dass unsere Dekorationen die finsteren Kräfte nicht verhüllen könnten, die dort am Werk wären.« Missy schluckte heftig. »Ich habe keine Ahnung, was sie damit gemeint hat. Ihre Augen sind ganz milchig geworden und haben total merkwürdig ausgesehen, dann sind sie wieder normal geworden, und sie konnte sich nicht mehr an das erinnern, was sie gesagt hat.«
»Milchige Augen? Das ist merkwürdig.«
Sie kaute auf ihrer Unterlippe. »Tu mir einen Gefallen, und sei vorsichtig heute Abend. Madame Chiquita hat offenbar eine extrem hohe Trefferquote bei ihren Voraussagen.«
»Ich verspreche, dass ich mich vor jeder finsteren Dekoration in Acht nehme, die da irgendwo lauert.« Großartig. Ein Medium mit milchigen Augen machte unersprießliche Voraussagen über das Schultreffen. Vielleicht war Missy aber lediglich nur schrecklich paranoid.
Das ergab dann allerdings schon zwei.
»Missy!«, rief Richard. »Onkel Charlie will mit mir angeln gehen. Könntest du bitte mal kommen?«
Sie grinste mich an. »Die Pflicht ruft.«
Ich drehte mich um und fragte mich gerade, wie viel Geld Missy wohl für das Medium bezahlt hatte, als ich bemerkte, dass mein Vater direkt hinter mir stand.
»He, Dad.« Ich lächelte, ohne dabei meine Reißzähne zu zeigen, und umarmte ihn. »Wie schön, dich zu sehen.«
Meine Brust tat ein bisschen weh, und ich hatte eine kurze und unerwartete Vision des Pflocks in meiner Brust.
Entspann dich, rief ich mich zur Ordnung. Verhalte dich einfach normal. Du bist normal. Es ist alles in Ordnung.
Mein Vater musterte Thierry, der auf der anderen Seite des Raums eine, wie es schien, quälende Unterhaltung zu führen schien und dann von meiner Tante Mildred ziemlich fest an ihren ausladenden Busen gedrückt wurde.
»Wer ist eigentlich dein Begleiter?«, fragte er. »Du hast ihn noch nie erwähnt. Was ist aus George geworden? Ich dachte, ihr zwei wärt verlobt?«
Das war eine komplizierte Geschichte. Die auf einer nicht ganz unkomischen Verwechslung auf Missys Hochzeit beruhte. Lange her.
Ich räusperte mich. »Ich bin jetzt mit Thierry zusammen. Du magst ihn ganz bestimmt.«
»Er sieht gar nicht aus wie dein üblicher Typ.«
»Oh-oh, er ist mein Typ. Glaub’s mir.«
»Wo kommt er her?«
»Aus Toronto - größtenteils.«
»Und womit verdient er sein Geld?«
»Ach ... er besitzt eine Bar.«
Dads Blick gab mir zu verstehen, dass er eine solche Beschäftigung nicht für einen ehrbaren Beruf hielt, der seinen Respekt verdiente. Bis zu seiner Pensionierung vor fünf Jahren war mein Vater bei der Polizei von Abottsville, wo er für seine brillanten Verhörtechniken berüchtigt war.
»Wie alt ist er?«
Ich schluckte. »Sechsunddreißig. Gerade geworden.«
»Acht Jahre älter als du? Das ist aber ein ganz schöner Altersunterschied, Sarah.«
Klar doch. Ein Glück, dass er die Wahrheit nicht mal ahnte. »Das ist mir gleichgültig.«
»Sein Anzug war ziemlich teuer. Geld hat er also?«
»Sicher.« Ich leerte ein zweites Glas Wein, ohne Luft zu holen.
»Hast du schon eine neue Arbeit gefunden?«
»Nein, noch nicht.«
»Willst du damit etwa sagen, dass du dich von deinem reichen Freund aushalten lässt?«
»Ich hätte gern noch etwas Wein!«, rief ich. Meine Mutter eilte heran und füllte mein Glas auf.
Die Miene meines Vaters wurde weicher, als er mir die Hand auf die Schulter legte. »Es tut mir leid, falls du den Eindruck bekommen hast, ich würde vorschnell urteilen. Ich will doch nur das Beste für mein kleines Mädchen.« Dann kniff er die Augen wieder zusammen und betrachtete erneut das zur Diskussion stehende Subjekt. »Er strahlt irgendwie etwas Merkwürdiges aus. Als wäre irgendetwas mit ihm nicht so ganz in Ordnung. Aber du bist glücklich mit ihm, stimmt’s?«
»Es ist geradezu ekstatisch.«
Er sah mich streng an. »Wie lautet die Regel für Sarkasmus in diesem Haus?«
»Nur an Samstagen?«
»Sarah ...!«
»Dad, was willst du hören? Ich liebe Thierry. Ich wollte, dass Mom und du ihn kennenlernt. Er ist wirklich großartig.«
Er nickte und beobachtete, wie meine Mutter auf Thierry und ein paar meiner Tanten zuging, um ihnen Käse und Cracker anzubieten. Die Tanten nahmen etwas, Thierry dagegen lehnte dankend ab.
»Habt ihr vor, euch zu verloben?«
Ich würgte etwas an meinem letzten Schluck Schaumwein. »Nicht in nächster Zeit.«
Er runzelte die Stirn. »Warum nicht? Möchte er sich nicht zu dir bekennen?«
»Könnten wir jetzt bitte mit diesem Fragespiel aufhören und über etwas anderes sprechen?«
Meine Mutter kam mit dem Tablett mit Käse und Crackern zu uns. »Worüber wollt ihr sprechen?«
»Sarah und Thierry haben nicht vor, sich zu verloben«, erklärte mein Vater. »Womöglich ist er nicht der Heiratstyp.«
Meine Mutter sah verwirrt aus. »Aber Sarah, wieso vergeudest du deine Zeit mit jemandem, der dich nicht heiraten will? Du bist zwar noch jung, aber die Zeit vergeht schnell. Du weißt doch, was man über die Kuh und die Milch sagt, nicht?«
»Mom ...«
»Du gibst doch deine Milch nicht etwa umsonst weg, oder, Darling?«
Ich seufzte schwer. »Was hat eine Hochzeit schon für eine Bedeutung? Ich meine, jetzt mal im Ernst. Es ist doch nur ein Stück Papier. In manchen Fällen auch ein sehr altes Pergament mit einem Siegel unten, oder wie das halt die Beamten im 14. Jahrhundert so gemacht haben. Es hat überhaupt keine Bedeutung. Ich finde unsere Beziehung gut, wie sie ist.«
»Aber du hast immer von der perfekten Hochzeit geträumt«, beharrte meine Mutter. »Mit einem weißen Kleid und einer langen Schleppe und weißen Tauben, die am Ende der Zeremonie in den Himmel flattern!«
»Träume können sich ändern«, sagte ich, und das meinte ich tatsächlich so.
»Ich glaube, ich weiß, was hier los ist.« Mein Vater verschränkte die Arme. »Er ist verheiratet, hab ich recht?«
Meine Augen wurden rund vor Staunen. Mein Dad war wirklich ein verdammt guter Polizist.
Mom rang nach Luft und schlug die Hand vor den Mund. »Nein! Er ist verheiratet? Mit einer anderen Frau? Sarah, was um Himmels willen denkst du dir denn bloß dabei?«
Anstatt meinem ersten Impuls zu folgen und den Sekt auf die hellgrüne Auslegeware zu spucken, sah ich zu Thierry hinüber, der vom Tantenclub umringt war. Sie hatten eine Kassette in den Videorekorder geschoben und schreckten nicht davor zurück, ihm mein peinlichstes Geheimnis zu zeigen, genauer, den einzigen Werbespot, den ich als angehende Schauspielerin jemals gedreht hatte. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass dieses Machwerk überhaupt noch existierte.
»Fühlen Sie sich frisch wie der Morgentau«, sagte mein zwanzigjähriges, erheblich langhaarigeres Ich mit einem breiten, strahlenden Lächeln. »Mit den parfümierten Maxibinden von Daisy-Frisch brauchen Sie sich nie Sorgen zu machen, dass Sie vielleicht nicht so wundervoll sind, wie Sie es sein könnten!«
Eins war klar: Es konnte kaum noch schlimmer kommen.
Ich drehte mich um, sah meinen Eltern fest in die Augen und sagte: »Soll ich euch mal was verraten? Ich bin ein Vampir.«
Sie sahen mich verständnislos an.
»Was hast du gesagt, Liebes?«, fragte meine Mutter lächelnd.
»Ich bin ein Vampir. Es ist vor ein paar Monaten passiert. Ich werde nicht mehr älter, weil ich unsterblich bin, und ich bin nach Hause zum Schultreffen gekommen, weil ich gehofft hatte, mich hier glücklich und normal zu fühlen. Bis jetzt hat sich das Gefühl noch nicht eingestellt. Ich wollte nur, dass ihr es wisst.«
»Du bist ein Vampir«, wiederholte mein Vater.
Ich rieb gedankenverloren über meine Stichwunde. »Genau.«
Er schüttelte den Kopf. »Und du glaubst, das wäre eine ausreichende Entschuldigung dafür, dass du dich in eine derartig peinliche Affäre gestürzt hast?«
Meine Mutter schniefte und zog ein besticktes Taschentuch aus dem Ärmel ihrer Bluse. »Mein kleines Mädchen, mein armes kleines Mädchen!«
Ich blinzelte. »Hast du den Teil nicht gehört, in dem ich gesagt habe, dass ich ein Vampir bin?«
»Doch, aber das ignorieren wir fürs Erste. Offensichtlich setzt dir diese Entscheidung, was dein zukünftiges Leben betrifft, sehr zu, und du hast den Bezug zur Realität verloren.« Mein Vater seufzte schwer. »Ich glaube wirklich, du solltest eine Weile zu uns ziehen, damit du wieder einen klaren Kopf bekommst.«
»Sarah.« Thierry schlang seinen Arm um meine Hüfte. »Wie geht es dir?«
Mein Vater bedachte Thierry mit einem eisigem Blick. »Nur damit Sie es wissen, ich bin mit dem Leben, das Sie unserer Tochter zumuten, ganz und gar nicht einverstanden.«
Thierry verzog keine Miene. »Wie bitte?«
»Sie sollten sich schämen! Sarah hat etwas Besseres verdient. Sie verdient eine strahlende Zukunft an der Seite eines Mannes, der sie vergöttert, und nicht einen Mann, der sie ausnutzt und dann wegwirft wie ein benutztes Taschentuch.«
»Ich versichere Ihnen, dass das keineswegs meine Absicht ist. Außerdem möchte ich mich entschuldigen, falls ich in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit irgendwie diesen Eindruck vermittelt haben sollte. Ich will nur das Beste für Sarah.«
Das Gesicht meines Vaters wirkte so kühl, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. Selbst für Kriminelle hatte er einen freundlicheren Blick übrig gehabt. »Ich gehe nach oben und sehe mir das Golfturnier an.« Er ging hinter uns vorbei und berührte kurz meinen Arm. »Denk an das, was ich gesagt habe, Sarah. Dein Zimmer steht immer für dich bereit.«
Dann verschwand er.
Meine Tanten spielten zum fünften Mal meinen Werbespot für die Maxibinden ab und bemerkten unüberhörbar, wie hübsch ich doch ausgesehen hätte und wie schade es doch wäre, dass ich mich gegen eine Schauspielkarriere entschieden hatte. Sie winkten mich zu sich.
Ich sah meine Mutter an.
Die räusperte sich. »Möchte vielleicht noch jemand einen Schluck Wein?«
Meine Zeiteinschätzung war recht optimistisch gewesen, denn es dauerte mehr als zwei Stunden, bis wir mein Elternhaus wieder verlassen hatten. In knapp über einer Stunde sollte das Schultreffen beginnen. Ich hatte kaum noch Zeit, mich fertig zu machen. Als wir die mit Schnee und Eis bedeckte Auffahrt hinuntergingen, war die Sonne bereits untergegangen. Thierry fädelte sich schweigend in den Verkehr der Hauptstraße von Abottsville ein.
»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ehrlich.«
»Habe ich irgendetwas gesagt, das ich nicht hätte sagen sollen?«, fragte er. »Wenn ja, dann entschuldige ich mich dafür.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß selbst nicht genau, was eigentlich passiert ist. Sie sind einfach ausgeflippt.«
»Weswegen?«
Ich drückte mich in den Ledersitz. Ich wollte wirklich nicht darüber sprechen. »Ich habe ihnen gesagt, dass ich ein Vampir bin.«
Er nahm den Blick kurz von der Straße und heftete ihn überrascht auf mich. »Wieso hast du das getan?«
»Weil ich wollte, dass sie es wissen.«
»Und das war ihre Reaktion auf die Neuigkeit? Sie glauben, ich sei dafür verantwortlich?«
Ich kaute auf meiner Unterlippe. »Nicht ganz. Sie haben irgendwie herausgefunden, dass du verheiratet bist, und danach haben sie die ganze Vampirgeschichte völlig ignoriert. Ich glaube, es ist für sie weniger schlimm, dass ich ein Vampir bin, als dass ich mit einem verheirateten Mann ausgehe.«
Er biss die Zähne zusammen. »Ich kann ihnen deshalb schwerlich Vorwürfe machen.«
Ich hob erstaunt die Brauen. »Nicht?«
»Nein.«
»Ich werde ihnen erklären, warum es bei uns anders ist, und ihnen sagen, dass Veronique keine Rolle mehr spielt und so weiter. Sie werden das bestimmt verstehen.«
Andererseits, ich selbst verstand es ja nicht einmal richtig. Wieso also konnte ich hoffen, dass meine Eltern dafür Verständnis haben würden?
Thierry schüttelte den Kopf. »Es ist nicht in Ordnung.«
Ich zuckte mit den Schultern und sah auf die Uhr. Es war schon nach sechs. »Mach dir deshalb keine Sorgen. Mir ist klar, dass sich dieses Problem nicht ohne weiteres lösen lässt, dass es unmöglich ist, aber das ändert nichts an meinen Gefühlen für dich.«
Thierry blickte konzentriert auf die Straße. »Es ist nicht unmöglich.«
Ich runzelte die Stirn. »Was hast du gesagt?«
Wir hatten die Innenstadt von Abottsville gerade hinter uns gelassen. Thierry fuhr rechts ran und hielt neben einem ziemlich großen Gebäude in Form eines Hotdogs, in dem im Sommer tatsächlich Hotdogs verkauft wurden, und starrte in den Park gegenüber. Dann drehte er sich zu mir um und sah mich aus seinen silberfarbenen Augen an. »Ich habe gesagt, dass es nicht unmöglich ist.«
»Ich verstehe nicht, was du meinst.«
Er schluckte. »Veronique ist schon so lange ein Teil meines Lebens, dass ich kaum noch weiß, wie es war, als ich sie nicht kannte.«
Ich fröstelte unwillkürlich. »Natürlich. Du kennst sie ja praktisch seit der Steinzeit. Außerdem ist sie absolut hinreißend, perfekt und zudem stets superelegant gekleidet. Und sie spricht fließend Französisch.«
»Das habe ich nicht gemeint.« Er runzelte tief die Stirn. »Früher wurden die meisten Hochzeiten arrangiert oder aufgrund irgendwelcher Konventionen geschlossen. Man musste sich keine Sorgen machen, dass man sich eines Tages nicht mehr lieben würde oder sich scheiden lassen wollte, denn die Liebe spielte bei diesen Vereinbarungen selten eine Rolle.«
»Heute endet eine von zwei Hochzeiten mit einer Scheidung«, sagte ich und kam mir merkwürdig vor. Mir war nicht wohl dabei, hier im Auto zu sitzen und über Hochzeiten zu reden. Außerdem waren wir jetzt wirklich ziemlich spät dran für das Schultreffen.
Meine Wunde juckte.
»Eine entmutigende Statistik«, erwiderte er.
Ich lächelte gezwungen. »Thierry, du brauchst jetzt nicht analytisch zu werden. Ich verstehe deine Lage.« Nicht wirklich. »Ich weiß, dass du dich nicht von Veronique scheiden lassen kannst, selbst wenn du wolltest.«
»Und genau das stimmt nicht so ganz.« Er lehnte sich in seinem Sitz zurück. »Ich habe verschiedene Personen in der katholischen Kirche kontaktiert, Vampire natürlich, die jetzt nach einer Möglichkeit suchen, die Ehe zwischen Veronique und mir zu annullieren.«
Mein Herz schlug auf einmal schneller. »Eine Annullierung?«
»Ja.«
Selbst der Begriff fassungslos würde meine Gefühle in diesem Moment nicht einmal annähernd beschreiben. Ich zwang mich, meinen Mund zu schließen. »Nach sechshundert Jahren Ehe? Ist das denn überhaupt möglich?«
Er nickte. »Meine Ehe mit Veronique ist lange vorbei. Es würde mich überraschen, wenn sie etwas dagegen einzuwenden hätte. Wir sind sehr verschieden und wollen ganz unterschiedliche Dinge. Sie wünscht sich ein aufregendes Leben voller Schönheit und umgeben von jungen, attraktiven Männern in Europa.«
Ich schluckte heftig. »Und was willst du?«
Er begegnete gelassen meinem Blick. »Dich«, erwiderte er schlicht.
Ich öffnete den Mund ein bisschen, brachte jedoch keinen Ton hervor. Eine Weile war es ganz still im Wagen.
Er verzog die Mundwinkel. »Habe ich dich sprachlos gemacht? Ich wusste nicht, dass das überhaupt möglich ist.«
Ich holte Luft. »Thierry ...«
»Ich weiß, dass es dich extrem stört, welche Rolle sie in meinem Leben spielt. Das erkenne ich an deinem Blick, wenn ich von ihr rede oder wenn Veronique in der Stadt war.« Er strich mir die dunklen Haare aus der Stirn und schob sie hinter mein linkes Ohr. »Die Beziehung zwischen mir und Veronique ist bereits seit vielen, vielen Jahren zu Ende, nur eben nicht offiziell. Doch genau darum bemühe ich mich zurzeit.«
Er rutschte etwas von mir zurück und schob eine Hand in die Innentasche seiner Jacke. »Ich kann dir im Moment noch keinen richtigen Antrag machen, zumindest keinen, den deine Eltern akzeptieren würden, aber ich kann dir etwas versprechen.«
Ich blickte nach unten auf seine Hand. Darin lag ein Ring. Ein wundervoller Ring, der ringsum mit Diamanten besetzt war.
Ein Verlobungsring.
Mein Blick zuckte hoch in sein Gesicht.
»Ich möchte, dass du ihn annimmst, Sarah«, sagte er zärtlich. »Du sollst ihn in dem Bewusstsein tragen, dass er von jemandem kommt, der dich sehr liebt.« Er schob ihn über meinen rechten Ringfinger und führte meine Hand an seine Lippen. »Würdest du das tun?«
»Oh, ja, ja, und ob ich das kann!« Ich blickte von meinem neuen Ring, der selbst im Dunkeln zu glitzern schien, zu Thierry hoch, doch sein Gesicht verschwamm vor meinen Augen, weil ich heulte wie ein Baby.
Er beugte sich vor, um mich zu küssen, und ich schlang meine Arme um seine Schultern und zog ihn näher zu mir heran.
Wenn das alles nur ein Traum war, dann wollte ich nie mehr daraus erwachen.